Die Bibel
- 8 - Das Christentum Das Christentum hat die hebräische Bibel übernommen und ihre eigene Ergänzungen hinzugefügt . Es hat aber nicht alle Schriften akzeptiert, die verfaßt wurden, um den Menschen die Sendung Jesu mitzuteilen. Seine Kirche hat sehr viele Eingriffe in die Vielzahl der Bücher vorgenommen, die von Leben und Lehre Jesu berichten. So bewahrte sie im Neuen Testament nur eine begrenzte Anzahl von Schriften, deren wichtigste die vier kanonischen Evangelien sind. Das Christentum zieht keine Offenbarung in Betracht, die später liegt als Jesus und seine Apostel. Insofern schließt es also bei- spielsweise den Koran aus. Das Christentum unterscheidet sich von den anderen großen Religionen vor allem dadurch, daß es seinem Stifter, Jesus von Nazareth , göttliche Verehrung zuteil werden läßt. Weder Moses noch Mohammed oder Buddha werden als Götter verehrt. Sie gelten als begnadete Menschen, die Gottes Botschaft verkündeten oder den rechten Weg zum Heil der Menschen gewiesen haben. Auch Jesus von Nazareth hat nie von sich behauptet, selbst ein Gott oder auch nur Gottes leiblicher Sohn zu sein, wie es die christliche Kirche heute lehrt. Er sprach von Gott als seinem "Vater" , von den Menschen als " Gottes Kindern" - wohl um seine besondere Botschaft von der innigen, liebevollen Beziehung Gottes zu den Menschen zu verdeutlichen. Ebenso ist es gewiß, daß Jesus wohl nie eine eigene Kirche gründen wollte. Begründer wurde viel- mehr ein jüdischer Pharisäer, der zuvor die jüdische Sekte der "Christen" bis aufs Messer bekämpft hatte: ein gewisser Saulus aus der Stadt Tharsos in Kleinasien. Durch eine visionäre Erscheinung Christi bekehrt, konvertierte er zum Christentum, nannte sich fortan Paulus und verbrei- tete die neue Lehre unter den nichtjüdischen "Heiden". Vier Jahrhunderte später war aus der verfolgten und verspotteten jüdischen Sekte die größte Religion und Kirche des Abendlandes geworden. Nach der Lehre dieser Kirche hat Gott seinen "eingeborenen Sohn" zur Erde herabgeschickt, um dort das Kommen Seines Reiches anzukündigen und durch den Opfertod am Kreuz die Menschen von der Erbsünde zu erlösen, die seit Adams Sündenfall unaufhörlich und unabwendbar fortvererbt wurde. Eine Erlösung jedoch, die nur dem zuteil werden kann, der sich zu Christus und seiner Botschaft bekennt. Ewige Höllenstrafe und Verdammnis aber bedrohe alle, die sich ihr verweigern. Das Leben Christi wird in den vier von der Kirche anerkannten Evangelien, die Matthäus , Markus , Lukas und Johannes zugeschrieben werden, erzählt, wobei die ersten drei dieser Evangelisten wegen ihrer Ähnlichkeit auch synoptische (nebeneinandergestellte) Evangelien genannt werden. Die nicht von der Kirche anerkannten apokryphen Evangelien berichten kleine Geschichten, z. B. aus der Kindheit Christi , so das Evangelium des Jakobus . Keine andere der großen Religionen, der Islam inbegriffen, hat sich seither ähnlich unduldsam gegenüber Andersgläubigen verhalten wie das Christentum. Neben die Lehre von der Vergebung aller Sünden durch Gottes Gnade hat es den sengenden Scheiterhaufen der Inquisition gestellt, hat es mit Feuer und Schwert die "Heiden" zur Annahme des "rechten Glaubens" gezwungen und dabei Unmen- gen von Blut vergossen. Und neben mildtätiger Krankenpflege, Armenbetreuung und gütiger Seelsor- ge für den Nächsten finden wir jene Priester, die noch in unserem 20. Jahrhundert inbrünstig die Waffen segneten , mit denen Christen andere Christen umbrachten, nur weil sie einer anderen Nation angehörten. Es ist tragisch, daß ausgerechnet jenes Christentum, das seine Wurzeln in der Lehre des Juden Jesus und in der Religion des Juden Moses hat, im Laufe seiner Geschichte zum gnadenlosen Verfolger eben jenes Judentums geworden ist. "Denn", so schreibt der Religionswissenschaftler Helmuth von Glasenapp , "das Christentum erhebt den Anspruch, die einzige, wahre, absolute Religion zu sein, von deren Annahme das ewige Heil der ganzen Menschheit abhängig ist." Eine Religion allerdings, die trotz dieses Anspruchs, "alleinseligmachend" zu sein, heute in mehr als 200 verschiedene Sekten zerfallen ist: von Katholiken, Orthodoxen bis zu Quäkern, von Baptisten bis zu Adventisten, von Presbyterianern, Zeugen Jehovas, Unitariern und Kopten bis zur Heilsarmee. Die Christen behaupten: Jesus war der Messias , der von Gott gesandte Erlöser der Menschheit . Die Juden sind überzeugt: Er war es nicht . Das Christentum verdankt seine Entstehung der Tatsache, daß die Juden sich weigerten, Jesus als Messias anzuerkennen. Hätten sie es getan, dann würde es heute keine Juden, sondern nur noch Christen geben.
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