Die Seelen

- 22 - Etwas über den Fanatismus (Durchgabe aus dem Jahre 1964) Wohlan, der Fanatismus ist eine menschliche Eigenschaft, die durch ihre Negativität für die ganze Menschheit gefährlich, ja tödlich ist. Obwohl die Menschheit auf dieser Erde eine Psychologie betreibt, ist man an dieser negativen Tatsache leichtsinnig vorbeigegangen. Der Fanatismus ist eine menschliche Entgleisung, eine krankhafte Äußerung , die keinesfalls nur ein bestimmtes Gebiet erfaßt, sondern auf allen Gebieten des menschlichen Lebens Anwendung findet. Auch die Opposition zum Fanatismus kann fanatisch sein . Ich möchte gerade diese Eigenschaft besonders herausstellen, weil sie das Zusammenleben und den gesamten Frieden unter den Völkern bedroht. Allein die Politik hat viele Merkmale des absoluten Fanatismus aufzuweisen. • Ein Fanatismus ist eine Steigerung des Willens in einer ganz bestimmten Richtung und findet deshalb keine Begrenzung. Nehmen wir einmal an, daß jemand einen Gottsucher als einen "Fanatiker" bezeichnet, weil dieser seine Ansicht darüber mit allen Mitteln der Überredungskunst verteidigt oder auch propagiert. Jener aber, der diese Willensäußerung als fanatisch ansieht , ereifert sich ebenfalls, weil er ein fanatischer Atheist ist. Wäre er das nicht , würde ihm kaum ein Fanatismus beim Gottsucher auffallen. Aber er ist in der Opposition und diese Stellungnahme wird von ihm ebenso leidenschaftlich verteidigt, so daß er gar nicht merkt, daß er als Gegner des Gottsuchers noch viel fanatischer ist, weil er die Ansicht seines Gegners nicht akzeptiert. • Genauso ist es in der Politik. Jede Partei ist in dem Augenblick fanatisch, wo sie den Gegner nicht mehr akzeptiert . Auch bei Forschern, Medizinern und Pädagogen, ja, überall in allen Sparten kommt es durch die Opposition zum Fanatismus. Je heftiger der Widerstand ist, um so stärker prägt sich der Fanatismus aus. Selbst Ehepartner können ihre Ansichten fanatisch verteidigen, und wenn es sich nur um ein Kochrezept handelt. Die meisten Menschen glauben, daß der Fanatismus nur bei gewissen Menschen anzutreffen ist. Aber grundsätzlich neigt jeder Mensch zum Fanatismus, der sich für irgend etwas begeistern kann. Also ist der Fanatismus die negative Form der Begeisterung , und es muß in Betracht gezogen werden, ob die Begeisterung positiven oder negativen Interessen dient. Wenn der Fanatismus bzw. die Begeisterung aggressiv wird, so ist sie schon von vornherein negativ, denn eine positive Begeisterung muß tolerant bleiben , damit sie nicht fanatisch wird. In den meisten Fällen tut sie das leider nicht. Die meisten Menschen können leider nicht unterscheiden, was positiv und was negativ ist. Sie greifen deshalb einen begeisterungsfähigen Menschen an, weil dieser einen Standpunkt vertritt, der ihnen nicht paßt . • Wo immer Gegensätze auftauchen kommt es beiderseitig zum Fanatismus, wenn die Toleranz nicht eingehalten wird. Stets ist der Fanatismus nicht einseitig , sondern er beruht auf absoluter Gegenseitigkeit , denn es ist fast nie erwiesen, welche Partei im Recht ist. Ohne diese Klärung kann man vom Fanatismus nicht verlan- gen, daß er seinen Standpunkt seinem Gegner zuliebe aufgibt. Dementsprechend sind die Gottsucher genauso fanatisch, wie auch die Atheisten durchaus fanatisch sind. Doch der Atheist ist in der Wahl seiner negativen Mittel nicht wählerisch. Die Machtkämpfe in der Politik beweisen, welche Mittel der Fanatismus anwendet. Sogar das sog. "Heldentum" ist durchaus eine fanatische Angelegenheit.

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