Die Seelen
- 36 - Schlußbetrachtungen Könnte es sein, daß die Kleinheit des menschlichen Selbstbewußtseins das Resultat einer Verkleine- rung sein könnte? Denken wir uns folgenden Fall: Auf einem Schiff, das im Pazifik segelt, wird ein Matrose in hypnotischen Schlaf versetzt und erhält die Suggestion, bis gegen Abend fortzuschlafen, dann aber ohne jede Erinnerung an seine Vergangen- heit zu erwachen. Nachdem ihm diese Suggestion fest eingeschärft worden ist, wird der Matrose in ein Boot hinabgetragen und auf einer kleinen Insel ausgesetzt; das Schiff aber fährt mit vollen Segeln davon. Nach dem Erwachen nun würde dieser Matrose vollkommen einem neugeborenen Menschen gleichen, mit dem Unterschied, daß er als ausgereiftes und verständiges Wesen auf seine Welt gekommen wäre; er würde sein Dasein als Mann beginnen. Ganz vergeblich würde er darüber nachsinnen, wer er sei und wie er in diese ihm vollkommen fremde Natur gekommen ist. Ohne jede Erinnerung an seine Vergangenheit würde er über sich selbst und den Ort, wo er erwacht, in einem Grade staunen, ja erschrecken, daß er leicht tiefsinnig werden könnte. So weit sein Blick reicht, dehnt sich der Ozean - ein Bild, wie er es noch nie gesehen zu haben glaubt. Er wendet sich landeinwärts, um sich auf seiner Insel zu orientieren, aber alles erscheint ihm befremdend; er erinnert sich nicht, je Dinge dieser Art gesehen zu haben: Pflanzen und Tiere, Berge und die Wolken, die darüber ziehen. Endlich sieht er auch Wesen seinesgleichen; er eilt auf sie zu, um von ihnen Aufschlüsse zu erhalten; aber sie alle sind in der gleichen unbegreiflichen Lage; sie wissen nicht, wer sie sind, noch woher sie gekommen sind. Eine Gesellschaft in so merkwürdiger Lage würde sich verzehren in Grübeleien über sich selbst und ihre Insel; aber alles Nachdenken und gegenseitige Fragen würden die unergründliche Fatalität nicht aufhellen, weswegen sie hier sind. Mit einem Gemisch von hoher Bewunderung und tiefer Verwunderung würden sie als ein nie gesehe- nes Schauspiel die Sonne untergehen sehen, die mit einer goldig flutenden Lichtbrücke den Ozean überspannt, und grenzenlos wäre wiederum ihr Erstaunen, wenn am dunklen Himmel Tausende von Sternen aufzugehen beginnen… Mit der Zeit würden die leiblichen Bedürfnisse sie von ihren Grübeleien ablenken. Hunger und Durst, Ermüdung und Schlaf stellen sich ein; die Unbilden der Witterung nötigen, nach einem Obdach sich umzusehen, und so würde dann auf dieser Insel die merkwürdigste Robinsonade beginnen, die sich denken läßt; denn Robinson brachte auf seine Insel Kulturerinnerungen mit , während unsere Inselbe- wohner alles neu ersinnen und erfinden müßten… Es ist nicht nötig, diese Situation noch weiter auszumalen, und auch, ob eine hypnotische Ausleerung des Gehirns so weit gehen kann. Es sind Experimente ähnlicher Art gemacht worden, daß das Erwa- chen aus dem Schlafe einer Neugeburt völlig gleich käme, kommt es hier nicht an. Ich habe trotzdem nicht von ganz imaginären Dingen gesprochen: • Die Insel, von der die Rede ist, heißt: Erde • Der Ozean, der sie umfließt, heißt: Weltraum • Die Wesen, die sich auf der Insel begegnen, heißen: Menschen • Und die langwierige Robinsonade, die sie aufführen, heißt: Kulturgeschichte der Menschheit . * * * * * * *
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