Die große Begegnung

- 23 - Die sinnliche Macht der ANDEREN WELT Gleich am nächsten Abend wiederholte sich der Besuch des Gottesboten . Wieder schrieb jener Ikarus in dieser Zeichensprache, daß ich abermals zu Gott als Gast geladen sei. Dann meldete sich ein neuer Schreiber mit den Worten: "Ich bin der Gemeinde-Schutzengel der Lindenkirche und ich heiße Judith. Lieber Herbert, ich danke dir sehr, daß du bei mir in der Kirche warst und dich für die von Gott verliehene Gabe bedankt hast." Ich hatte nicht im Geringsten an diesen Engel gedacht, noch einen Namen für ihn ersonnen. Seine plötzliche Ankunft und Mitteilung kam völlig überraschend. Bis jetzt ging alles noch sehr friedlich zu. Nur stand ich unter dem Eindruck, daß eine gewaltige übersinnliche Macht auf mich einen völligen Beschlag gelegt hatte. Ich leistete mir aber einen gehei- men Eid, daß ich dieser Macht bedingungslos gehorchen wollte , selbst wenn es den Einsatz meines Lebens bedeuten sollte. Diesmal wagte ich es, den Engel zu fragen, wie ich mir denn Gott vorzustellen habe, da ich mich später an nichts mehr erinnern könne? Der Engel Judith gab mir eine sehr sonderba- re Antwort: "Du wirst dich gewiß sehr wundern, wenn ich dir eine wahre Antwort darauf gebe. Aber du hast mich gefragt, so gib acht: Gott ist wie eine Bienenkönigin; sie gebiert unaufhör- lich neue Seelen und alle Seelen dienen ihr, außer den Drohnen, die von Zeit zu Zeit aus dem Stock entfernt werden müssen. Doch das Antlitz Gottes ist unbeschreiblich an Schönheit, es ist tausendmal schöner als die schönste Frau, die je auf Erden gelebt hat. Wenn du in das Angesicht Gottes schaust, so bist du in Liebe zu Gott verfallen. Du sehnst dich immer wieder in Seine Nähe zurück." Als Ikarus und der Engel Judith in dieser Nacht von mir gingen, machte ich eine kaum faßbare Entdeckung: Zuerst glaubte ich voller Schrecken, daß irgendein elektrisches Kabel durchgebrannt sei, das nun in einer Ecke schmorte. Dann aber merkte ich, daß dieser brenzlige Geruch sich zunehmend verstärkte, und schließlich stellte ich voller Überraschung fest, daß es sich um einen herrlichen, intensiven Weihrauchgeruch handelte, der mit vielen feinen Nuancen versehen war. Ich konnte diesen heiligen Geruch direkt mit meiner Nase einatmen. Es bestand nicht der geringste Unterschied zwischen einer Halluzination oder einer materiellen Wirklichkeit. Es war mir bewußt, daß ein solcher Duft nicht im Zimmer sein konnte. Der Leser mag entscheiden, wie schwer es sein muß, sich einen derartigen, seltenen und differenzier- ten Geruch geistig vorzustellen , noch dazu in einer solchen Stärke. Dieser Weihrauchgeruch entstand in meiner Seele , sicher im seelischen Geruchssinn. Hier zeigte sich zuerst die sinnliche Macht der übersinnlichen Welt . Es war die erste Geruchsvision in meinem Leben. Der Geruch blieb in seiner vollen Stärke etwa zwei bis drei Minuten und war dann wie weggeblasen. Der Spuk war zu Ende… In manchen Fällen habe ich von einem "religiösen Wahnsinn" gehört, aber persönlich hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, einen religiösen Wahnsinn zu beobachten. Ich hatte mich nicht mit religiö- sen Schriften befaßt, war auch kein Kirchgänger. Der religiöse Inhalt der übersinnlichen Mitteilungen war für mich völlig neuartig , und ich habe derartiges noch nie gelesen. Doch ich hatte eine vorzügli- che Möglichkeit, meinen "Wahnsinn" zu kontrollieren: Mein Sohn kam mir zu Hilfe, denn er war medial genug, um allein einen Schreibkontakt mit dem Jenseits aufzunehmen. Auf diese Weise bestätigte er mir alle meine Erlebnisse. Ich war nun einigermaßen beruhigt darüber, denn ich hatte Gewißheit, daß ich nicht verrückt war.

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