Die große Begegnung
- 25 - Jetzt, nachdem ich mich von meinem großen Schrecken erholt hatte, schrieb ich mit Hilfe des unsicht- baren Schreibers : "Du hast Gott verstanden, darum darfst du dir etwas wünschen." Ich hatte nichts zu wünschen, was ich hätte von Gott wünschen können. Alles, was mir angeblich fehlte, war materieller Natur, darum wagte ich nichts zu sagen. Doch ich schrieb mit meiner eigenen Hand: "Du hast wieder eine Gabe bekommen und außerdem kannst du drei Wünsche ausspre- chen, die nicht dich, sondern andere Menschen betreffen. Diese Wünsche müssen mit der absoluten Nächstenliebe zusammenhängen. Wenn du willst, wird Gott diese Wünsche erfüllen." Das war wieder ein Märchen. Sollten unsaubere Geister ihre Hand im Spiel haben? Aber die Vision? Der Weihrauch? - Sollten diese Wahrnehmungen nicht deutliche Zeichen dafür sein, daß hier die gute Macht am Werke war? Wer kann das entscheiden? Ich wußte nicht, ob ich daran glauben sollte oder nicht. Bei allen meinen Zweifeln, die mich beständig plagten, mußte ich immer wieder an das Wort "Hallu- zination" denken. Doch es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde... Die Heilige Bernadette hatte doch auch ihre " Gesichte " gehabt, wenn auch auf andere Weise. Niemand wird mir je glauben. Man hat Bernadette zunächst auch keinen Glauben geschenkt, und es gibt heute noch genug Zweifler, obwohl eine Wunderquelle besteht. - Karl May hatte nicht einmal gewagt, seinen Eltern auch nur das Geringste von seinen Phänomenen zu erzählen. Er trug alle Qualen mit sich allein herum, weil er genau wußte, daß man ihn für verrückt halten würde. Nur in seiner Biographie nimmt er ernstlich dazu Stellung. So kann man lesen: "Ich habe niemals den Eindruck gehabt, daß mein Zustand etwas Pathologisches an sich hat." Nun, so ist es auch bei mir. Ich kann keinen Augenblick behaupten, daß ich meinen Zustand als pathologisch angesehen habe. Mein Mißtrauen richtete sich nur gegen die Unsichtbaren . Doch, daß jene es waren, die über mich herrschten, daran gab es für mich nicht den leisesten Zweifel. Mich störte nur das Wort "Gott" , denn hier konnte ich nicht begreifen, daß der Schöpfer es nötig haben sollte, sich in so auffälliger Weise mit mir zu beschäftigen. Während des schweren Gewitters sollte ich sofort in die Kirche gehen. Es war ungefähr gegen vier Uhr nachmittags. Ich lief im strömenden Platzregen in die katholische Kirche… Und wieder fand eine vorösterliche Messe statt, die allerdings schwach besucht war. Ich stand dem Altar genau gegenüber. Durch die Kirchenfenster der Sankt Marienkirche flackerten die grellen Blitze… Ich betete das Vaterunser. Plötzlich fiel mir auf, daß das Vaterunser einen Schönheitsfehler hatte: Es mag sein, daß es an einer Übersetzung liegt: "Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern."… Ich hatte das Gefühl, daß wir alle verloren sind, wenn Gott uns nicht mehr vergibt. Ja, tausendmal mehr , als wir vergeben. Ich beeilte mich, diesen Fehler gut zu machen und betete: "Und vergib uns unsere Schuld mehr , als wie wir vergeben." Meine Handflächen brannten wie Feuer… Sollte das ein Zeichen des Gekreuzigten sein? Ich hatte mich in Gedanken höchstens nur mit Gott befaßt. An Christus habe ich kaum gedacht. Wohl kam Ikarus mit dem Gruß: "Gelobt sei Jesus Christus!" Doch spielte Christus in meinem Denken nicht die große Rolle.
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