Die große Begegnung
- 32 - meinen Gedanken und Gefühlen dieser Aufforderung nachzukommen. Die Stimme war jedoch uner- bittlich , sie nahm auf meine ablehnende Haltung keine Rücksicht, sondern rief mich laut an: "Willst du jetzt gegen Gott, deinen Schöpfer, ungehorsam sein?" Zerknirscht zog ich es vor, mich zu fügen. Mit einem unvorstellbaren Grauen klopfte ich an die Tür des Untermieters. Voll von Entsetzen hörte ich sein krähendes "Herein!" Ich öffnete die Tür und sagte ihm höflich, so höflich, wie es überhaupt möglich war, was er jetzt tun sollte. Der Mann starrte mich an, als ob ich ein Gespenst sei. Ich glaube, daß ich ihm tatsächlich für den Rest dieser Nacht auch den Schlaf genommen hatte. Doch bald darauf meldete sich die Stimme erneut, sie gab mir keine längere Ruhepause: "Jetzt gehe zur Untermieterin und sage ihr ebenfalls, sie soll wachen und beten, denn die Zeit ist jetzt nahe." Jetzt wurde es noch verrückter. Hatte ich schon bei dem Manne meine äußersten Bedenken gehabt, so war es in diesem Falle noch viel schlimmer. Ich malte mir im Geiste aus, was für einen Auftritt es geben würde. Ebenso war mir genau klar, daß ich rettungslos im Irrenhaus landen mußte , wenn ich mich in dieser Weise gegen fremde Menschen benahm. Wieder drohte die Stimme in der bekannten Weise. Es blieb mir keine Wahl, ich mußte diesen Gang nach "Golgatha" gehen. Als ich vor der Tür der Untermieterin stand, denn sie schlief allein in einem Zimmer, packte mich von neuem eine regelrechte Verzweiflung, denn ich wagte nicht, mich gegen diese übersinnliche Forderung aufzulehnen, weil ich alles für eine schwere Prüfung hielt. Da meldete sich mein Begleiter und sagte: "Du brauchst nur ganz leise anzuklopfen, nur so zu tun, denn es ist symbolisch Judas Ischariot. Er schläft und hört es nicht." Wir hatten alle eine Rolle in diesem symbolischen Passionsspiel . Kurz vor Morgengrauen hörte ich aus dem Nebenzimmer, wo der angebliche Judas Ischariot schlief, ein heftiges Würgen und Husten. Die Stimme meldete sich sofort und sagte zu mir: "Judas Ischariot, der Sünder und Verräter, bricht jetzt seine Sünden aus." Der Leser wird mir recht geben, wenn ich behaupte, daß schon eine ganz ungewöhnliche Phantasie dazu gehört, um auf solche Einfälle zu kommen, aber die Stimme aus dem Jenseits hatte diese Phanta- sie. Ja, sie haben es mir hundertfach bewiesen , daß ihre Einfälle keine Grenzen kannten. Diese Stimmen hatten ihre Rollen gut verteilt, denn mir war bekannt, daß der angebliche Judas Ischa- riot in ein sehr zweifelhaftes Schiebergeschäft zwischen Ost und West verwickelt war. Gegen Morgen, kurz nach dem Hellwerden, ließ mich die Stimme in Ruhe und ich fiel in einen kurzen Schlaf, der mir keine Erinnerung ließ...
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