Die große Begegnung

- 37 - Im Angesicht des Todes Allmählich beobachtete ich, daß in meinem Körper eine langsam voranschreitende Veränderung vorging. • Meine Atemzüge wurden immer ruhiger und geringer und auch meine Herzschläge pochten in immer längeren Zwischenpausen. Sie verlangsamten sich von Sekunde zu Sekunde. • Über meiner Nasenwurzel, mitten auf der Stirn , entstand ein eigenartiger kalter Sog nach außen hin . Es handelte sich genau um jene Stelle, die bei allen Buddha-Figuren angedeutet ist. Der Herzschlag und auch die Atmung verlangsamten sich sehr. Es war mir bewußt, daß mein Herz jeden Augenblick stillstehen mußte. Es war ein Schwinden aller meiner Körperfunktionen, ein völlig bewußtes Sterben ohne Schmerzen. Dieser Zustand war so einmalig neu, daß ich mich schon aus reiner Neugierde äußerst genau beobachtete . Mir entging keine leiseste Veränderung in meinem Organismus. Nie in meinem Leben ist mir auch nur annähernd ein derartiger Zustand in Erinnerung. Ich hatte keine Angst mehr, sondern befand mich in einer apathischen Ruhe und Zuversicht . Auf alle Fälle war ich unerschütterlich davon überzeugt, daß mein Bewußtsein vielleicht einschlafen, aber nicht sterben konnte... Jetzt zählte ich in langen Pausen meine letzten, kaum spürbaren Herzschläge. Meine Atmung schien schon völlig stillzustehen. Es waren unheimlich lange Pausen bis zum nächsten, schwachen Herzschlag. • Ein erstickendes Gefühl machte sich in meiner Kehle bemerkbar. Ich wurde langsam mit unsichtbarer Hand erwürgt. Ich mußte ersticken, obwohl meine Atmung schon aufgehört hatte. Ich spürte keinen Schweiß. Mein Körper schien völlig trocken zu sein. Der Sog auf meiner Stirn nahm zu. Es zog mit aller Gewalt an meiner Stirn, als ob ein Korken aus einer unsichtbaren Öffnung gezo- gen werden sollte. • Da spürte ich plötzlich, daß mein Herz stillstand … Es hatte den letzten, leisen Schlag getan. Es stand völlig still . Ich nahm nicht die geringste Bewegung mehr war… Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das erste Mal im Leben zu spüren, daß Atmung und Herztätigkeit aufgehört hatten - zu wissen , daß der Tod eingetreten war. Was für ein Tod es war, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht ein Scheintod oder ein ungewöhnlicher schwerer Trancezustand. Mein Hausarzt wollte alle Symptome eines Scheintodes festgestellt haben. Nun, da ich keinen Herzschlag mehr spürte und auch nicht mehr atmen konnte, befand sich mein Körper in einer absoluten, noch nie erlebten Ruhe . Dieser Zustand erzeugte in meinem Bewußtsein ein ehrfurchtsvolles, feierliches Gefühl , eine hohe Achtung vor dem eigenen Tod. Noch spürte ich aber einen kalten Hauch , eine Grabeskühle, von den Füßen her meinen ganzen Körper einhüllend; es war ein gefühlsmäßiges Erstarren aller Blutbahnen. Diese Kälte stieg ziemlich schnell wie eine kalte Welle an meinem Körper hoch, bis auch der Kopf davon erreicht wurde. • Gleich darauf spürte ich ein ganz zartes Platzen unter der Haut , als ob sich das Fleisch von der Haut trennte. Dann aber hörten alle Beziehungen zu meinem Körper ganz auf. Und trotzdem war ich völlig unver- ändert in meinem Bewußtsein… Ich war tot, aber: Ich blieb ich!

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