Die große Begegnung

- 40 - Die Stimme sagte zu mir: "Sage dem Teufel, er soll dich um Verzeihung bitten." Ich überlegte fieberhaft. Was hatte das zu bedeuten?... In dieser Situation mußte ich jedes Wort auf die goldene Waage legen. Es ging um mehr als um meine Person. Warum sollte der Satan mich um Verzeihung bitten? Er hatte doch gegen Gott gesündigt und sich selbst gegen Gott zum Feind gemacht. Also konnte er mich nicht um Verzeihung bitten. Darum sagte ich zu der Stimme : "Er kann doch nur Gott um Verzeihung bitten." "Dann sage ihm, er soll Gott um Verzeihung bitten." Wie wenig hatte ich mich im Leben um die Person des Teufels gekümmert, daß ich jetzt so naiv sein konnte, dieser Aufforderung so gedankenlos und unwissend Folge zu leisten, denn ich sagte tatsäch- lich: "Bitte Gott um Verzeihung, denn du hast unendlich viel gesündigt und ein furchtbares Unglück über die Welt und über die Menschheit gebracht." Vernichtend drangen die harten Worte an mein geistiges Ohr : "Aber er tut es nicht!" Ich hätte es mir denken können. Es war irrsinnig, daß ich ihn überhaupt dazu aufgefordert hatte. In diesem Augenblick erkannte ich meine ganze Dummheit. Der Engel sprach feierlich mit langsamer Betonung: "Lieber Herbert, ich frage dich: Bist du bereit, an Stelle des Teufels in die ewige Verdammnis zu gehen, um die Menschheit von dieser Geißel, von diesen Versuchungen und Verführungen, von diesen furchtbaren Übeln zu erlösen?" Dies war der entsetzlichste Punkt, an den je ein Mensch gelangen kann. Es war die alleräußerste Gewissensfrage , die an einen Menschen gestellt werden kann. Es ist so ungeheuerlich superlativ, daß es in der ganzen Menschheitsgeschichte keine Vergleiche mehr dafür gibt. Und diese Frage wurde mir gestellt. Eine Frage, die sich keine menschliche Phantasie ausdenken kann… Jeder lebende, denkende Mensch überlege sich dieses infernalische Dialogspiel, das nicht einmal einen Vergleich in Goethes "Faust" findet. Hier mag jeder Theologe, jeder Wissenschaftler, jeder Christ, jeder Zweifler entscheiden, ob dieses Höllendrama die Ausgeburt einer menschlichen Phantasie sein kann? Welchen Sinn hatte dieses furchtbare Spiel oder sollte es übersinnliche Wirklichkeit sein? Ich hatte keine Zeit, um diesen Fall lange zu überlegen. Was bedeutet meine Seele gegen Gott? Was bedeutet meine Seligkeit gegen das Unglück einer ganzen Menschheit? Was bedeutet mein Ich gegen alle Kriege, gegen alles Morden, gegen diese Tränenfluten, die je auf Erden vergossen wurden? Von einem unwiderstehlichen Drang erfaßt, sagte ich ebenso feierlich : "Ja!" Im selben Augenblick verfiel ich in einen Zustand, den ich nur mit Punkten andeuten kann... Ich befand mich in einer geistigen Verlorenheit ohne Gleichen . Ich war geistig und seelisch vernichtet in einem ungeheuren Ausmaß und rettungslos der Verlassenheit und Pein ausgeliefert, die sich je ein Mensch als nur ein Tausendstel vorstellen kann. Es ließ mir keine Hoffnung mehr, bis in alle Ewig- keit… Dieser Zustand hielt aber nicht lange an, denn plötzlich hörte ich die tröstenden Worte: "Aber Gott läßt es nicht zu."

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