Die große Begegnung

- 46 - Obwohl ich tränenlos weinte, sah ich keine andere Möglichkeit… Ich tat, wie Veritas erklärt hatte. Da ich aber nach jeder einzelnen Sünde beten mußte, so wurde ich mit dem Beten überhaupt nicht mehr fertig. Ich sah ein, daß ich tagelang damit zubringen mußte, wenn ich damit ganz zu Ende kommen wollte. Dabei fielen mir immer wieder neue Untaten ein - oder auch schlechte Gedanken , die ich dann und wann gehabt hatte. Es war schier ein aussichtsloses Bemühen... Nach einer langen Zeit hörte ich Veritas Stimme, die zu mir sagte: "Bitte jetzt Christus, daß er deine Sünden, die du ihm alle aufgezählt hast, auf sich nehmen möge, damit deine Seele ruhe davor habe." Ich hatte ein Gefühl, als ob das Universum untergehen müsse. Aber gleichzeitig erkannte ich hier eine ungeheure Klarheit, die meiner Meinung nach bestimmend ist für die ganze weitere Einstufung im Jenseits . Ich war jetzt vor die wichtigste Entscheidung gestellt: auf Gott zu vertrauen oder nicht . Ich mußte Christus mit meiner Schuld bewerfen und an ihn glauben oder ich blieb sündig bis ins Innerste meiner Seele. Hatte ich von ihm Strafe zu erwarten oder nicht? - Eines wußte ich mit unglaublicher Sicherheit, daß ich in seiner Schuld war, weil ich ihn damit belastet hatte. Diese Schuld mußte aber irgendwie getilgt werden . Und wenn Christus mich in die Hölle schicken würde, um dort eine Seele aus den Klauen des Bösen zu retten, so wußte ich, daß ich damit nur einen Bruchteil meiner Schuld abtragen konnte… Jetzt wurde es wieder heller um mich her. Das gab mir neuen Auftrieb. Ich faßte mir ein Herz und bat Christus , mir meine Sünden zu nehmen. Von irgendwo glaubte ich die Worte zu hören: "Sie sind dir vergeben." Gleich darauf schaltete sich Veritas wieder ein. Er sagte fast befehlend: "Versuche, ob du dich an deine Sünden erinnern kannst." Ich strengte sofort meinen Geist an. Soeben hatte ich mich noch an alle Sünden erinnern können. Aber so sehr ich in allen meinen Erinnerungen herumstöberte… Ich konnte mich an kein einziges Unrecht mehr erinnern. "Hast du auch wirklich genau nachgedacht?" Ich überlegte noch einmal, ob nicht doch irgendetwas wäre, das ich zu bereuen hätte… Aber nichts -, nichts . Ich war unschuldig wie ein Engel. Jetzt wurde es zusehends hell um mich. Veritas mußte jedoch einen bitteren Tropfen in meinen Seelenkelch gießen: "Du bist natürlich von deinen Sünden gereinigt, aber nur für eine gewisse Dauer. Glaube nicht, daß Christus deine Sünden für immer tragen wird, denn du wirst bald ins irdische Leben zurück müssen, dann aber wirst du deine Sünden wiederhaben. Doch dann kannst du noch sehr viel tun, um sie vergessen zu machen. Vor allem tue keine neuen Sünden hinzu. Wenn du nicht gereinigt worden wärest, so hätte ich dich nicht weiterführen können. Darum sei sehr dankbar gegen deinen Schöpfer, der dir diesen Besuch bei Ihm gestattet." Ich mußte an die Bibel denken. Die Propheten haben immer darin zum Ausdruck gebracht, daß sie etwas geschaut haben. So steht geschrieben: "Ich sah im Geiste" oder: "Ich war im Geiste". Es handelt sich immer um die Beschreibung von gewissen Visionen . Wie stark sind jedoch die Visionen, die sich nur im Jenseits auftun? Veritas sprach von einem sehr suggestiven Dasein. Aber diese jenseitigen Suggestionen sind so stark, von solcher überwältigender Kraft , daß sie die Wahrnehmungen des irdischen Daseins weit übertrafen: sie sind noch realer, noch wirklicher. Um dem Leser ein möglichst zutreffendes Bild davon zu geben,

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