Die große Begegnung

- 47 - so mag er sich vorstellen, daß alles noch greifbarer ist und daß vor allem die Farbenpracht und die Gerüche noch viel, viel intensiver sind als es im Erdenleben jemals möglich war. Ich möchte es vermeiden, hinter jeden Satz zu schreiben, daß es einen noch prächtigeren Eindruck macht oder daß das Licht oder die Farbe noch strahlender ist. Das ganze Jenseits ist, nach meiner persönlichen Erfahrung, ein gewaltiger Superlativ, eine höchste Daseinsform sinnlicher Wahrnehmungen. Ich bedaure sehr, daß ich durch die sprachliche Ausdrucksmöglichkeit begrenzt bin. Doch das Lichte ist im Jenseits noch lichter und das Dunkle ist dort noch dunkler . Die Freude ist noch freudiger und der Schmerz noch viel, viel schmerzhafter . In der Ferne sah ich eine Sonne durch den Nebel strahlen . Aber es war eine weiße Sonne . Und so weiß sie auch war, ich konnte mit den Augen in ihr helles Licht sehen, ohne daß sie blendete oder daß meine Augen davon schmerzten. Ich denke heute, daß es ja auch meine geistigen Augen waren. Mich zog es wie eine Motte zu diesem hellen Licht hin. Veritas blieb an meiner Seite. Er sagte zu mir: "Ich will dir einen neuen Namen geben, den wir hier alle haben. Es gibt so viele Seelen, die nicht an ihre irdischen Namen erinnert werden möchten, damit nicht trübe Erinne- rungen auftauchen. Darum hat fast jeder von uns einen allegorischen Namen. Darum nenne ich mich 'Veritas', weil mir die Wahrheit lieb ist. Ich schlage dir den Namen 'Aredos' vor." Ich wußte zwar nicht, was "Aredos" zu bedeuten hatte, aber ich wollte auch nicht widersprechen und hielt es auch für richtig. "Wohin führst du mich?" fragte ich Veritas , "willst du mich an das "Große Licht" führen?" "Nein, dazu bist du noch nicht reif genug. Es werden noch viele Jahre vergehen, bis du das "Große Licht" sehen kannst." Ich konnte mir zwar unter dem "Großen Licht" nichts in einem bestimmten Sinne vorstellen, doch hatte ich das Empfinden, daß es eine Ausstrahlung haben mußte, die jede Seele bis ins Innerste erleuchtete. "Wir kommen zum Sommerland", sagte Veritas. Sommerland? - Ich hatte noch nie etwas von einem Sommerland gehört. Aber nachdem ich soeben erst in einem Nebelland zugebracht hatte, so mußte das Sommerland genau das Gegenteil davon sein. Ich spürte allmählich einen immer stärker werdenden herrlichen Blumenduft . Es müssen viele tausend frischer Rosen gewesen sein, die ihren Duft verbreiteten. Schon allein dieser unbeschreiblich würzige Duft verkündete mir, daß ich mich dem Sommerland näherte und daß dieses Land oder diese Sphäre ein Märchenland aus "Tausend-und-einer-Nacht" sein mußte…

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