Die große Begegnung

- 49 - Bei allem, was ich sah, hatte ich immer den Eindruck, daß ich wie durch ein gefärbtes Glas schauen könne. Doch dieser Eindruck war nur eine Täuschung, denn nie ließ sich erkennen, was dahinter war. Veritas sprach unausgesetzt zu mir. Er nahm mich in eine "Propheten-Schule" , indem er mich ohne Unterbrechung belehrte . Ich verdanke ihm alle meine höheren Erkenntnisse. Keinesfalls kann ich sagen, wie lange wir uns in dieser Weise unterhalten haben. Je mehr ich mich diesem Sommerland näherte, das meiner Meinung nach ein sog. Astralland sein mußte, um so stärker stieg in meiner Seele ein glückseliges Gefühl auf. Ich habe schon einmal erwähnt, daß das Gefühlsleben im Jenseits die größte Bedeutung zu haben scheint. Alle Sinneswahr- nehmungen gehen in einen Zustand über, das heißt: Alle sinnlichen Eindrücke wirken sofort auf das ganze Gefühlsleben . So, wie dort alles viel stärker ausgeprägt ist: Licht und Dunkelheit, die Farben und die Gerüche, so wird auch das Gefühl viel stärker angesprochen. Als das wunderbare, tatsächlich unbeschreibliche und superlativ schöne Sommerland vor mir lag, so daß ich alle Einzelheiten erkennen konnte, kam ich in die Versuchung, an einen Traum zu glauben. Doch die gewaltige Realität meiner Wahrnehmungen und die Gegenwart meines jenseitigen Freundes , der dauernd zu mir sprach und mir viele wertvolle Erklärungen abgab, gaben mir gleich wieder das seelische Gleichgewicht zurück. Ich stellte fest, daß ich nicht durch einen Traum genarrt wurde. Immerhin hielt ich es für völlig ausgeschlossen, jemals wieder mein irdisches Leben an der Stelle fortsetzen zu können, wo ich es so dramatisch aufgegeben hatte. Das Sommerland war derartig überwältigend , daß ich es nicht fertig brachte, mir über meinen tatsäch- lichen Zustand lange Gedanken zu machen. Ich empfand, daß ich diese Gnade durch keinen schlechten Gedanken trüben dürfte, und ich fühlte mich derartig in Gottes Reich versetzt, daß ich mit heiliger Scheu und andächtiger Ruhe alles Neue auf mich einwirken ließ. Dieses schöne, gleichmäßig warme und lichtdurchflutete Land war kein "totes" Reich. Überall zeigte sich buntes, reges Leben . Es gab bunte Vögel , herrliche Schmetterlinge in allen Größen und viele schillernde Insekten von nie gesehe- nen Formen. Aber vor allem gab es auch Menschen! Und zu meinem größten Erstaunen gab es sie ebenfalls in vielen Größen . Da gab es Menschen, wie Veritas oder ich selbst, denn wir gehörten zu den größten. Aber außerdem sah ich Zwerge und Elfen , von denen die kleinsten nicht größer waren als eine Milch- flasche. Wie herrlich mußte es erst sein, aus dieser Perspektive die vielen Blumen zu betrachten. Es gab noch nie gesehenes, phantastisches Obst in den herrlichsten Formen und Farben. Der Duft war betäubend und sehr würzig. Die Blumen vermag ich überhaupt nicht zu schildern, denn sie überstiegen jegliche menschliche Phantasie. Als ich den Versuch machte, an einer dieser Blumen zu riechen, war der Duft derartig berauschend, daß ich von einem süßen Taumel erfaßt wurde, der nur noch sexuell verglichen werden kann. Die zauberhaften Blumen und Düfte derselben haben es mir vor allem angetan. Sie sind der Ausgangs- punkt aller meiner Gedanken über ein Paradies. Ich weiß, daß ich diesen Duft weder in einer Parfüm- flasche, noch in irgendeinem exotischen Treibhaus wieder antreffen werde, und dennoch werde ich die Sehnsucht, ihn irgendwo zu suchen, nie aufgeben. Wer einmal in diesem Sommerland gewesen ist, der hat die Welt überwunden , weil ihm die Welt keinen annähernden Vergleich mehr bieten kann. - Sobald ein menschliches Wesen in meine Nähe kam, ganz gleich ob groß oder klein, so hörte ich immer einen sehr netten Gruß: "Sei vielmals gegrüßt in Gottes Namen!" Veritas antwortete darauf immer: "Seine Güte währet ewiglich. Amen." Nach diesem Vorbild beeilte ich mich, es ebenso zu tun, wie er und die vielen anderen…

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