Die große Begegnung
- 53 - Veritas vermochte leider nicht, mich in die geschilderte Stadtsphäre zu führen. Überhaupt war es mir verwehrt, an irgendeinen anderen astralen Ort zu gelangen, außer der Nebelsphäre und Sommerland- Sphäre. "Du kannst nicht höher hinauf", sagte Veritas zu mir, "doch hinunter kannst du so tief du willst." Dieses Angebot war nicht gerade verlockend. Doch ich wußte bereits, daß die unteren Sphären mit einer geistigen Dunkelheit verbunden waren. Schon allein das Nebelland schränkte die sinnlichen Wahrnehmungsarten bedeutend ein… Der Bergsee strahlte in herrlichen Farben, es war ein ständiges, wechselvolles Farbenspiel. Auch die Ufer waren von vielen kleinen, bunten Kristallen besät. Diese kleinen Kristalle lagen überall wie funkelnde Edelsteine herum… Veritas sagte mir, daß es keine wirklichen Edelsteine hier gebe. Alle Dinge hätten keinen materiellen Wert und die irdische Beurteilung derartiger Schätze führe nur zu geistigen Irrtümern. Veritas meinte, daß sich niemand daran bereichern könne. Ich fand es allerdings auch sehr gut, daß die Schönheit für alle Seelen gleichmäßig vorhanden war. Bei unserem Umherwandern, das immer ein sanftes Gleiten war, kamen wir zu einer Stelle, wo herrliches Obst reifte. Aus riesigen Blumen ragte ein Stiel heraus, an dem sich eine bunte, birnenartige Frucht befand. Verschiedene dieser Früchte waren aufgeplatzt, so daß ein stark duftender Saft herausquoll. Veritas pflückte eine reife Frucht ab und reichte sie mir zu. Vollkommen ungläubig hielt ich die große Frucht in der Hand. Da ich jedoch neben dem Duft auch noch die Form derselben verspürte, so war ich von dem Vorhandensein überzeugt. "Koste sie ruhig", sagte Veritas. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, daß man im Jenseits Früchte essen durfte. Dabei erinnerte ich mich unwillkürlich an die Bibelstelle, da Eva den Apfel vom Baume des Lebens gepflückt hatte. So ähnlich mußte es gewesen sein. Sicher hatten Adam und Eva einen jenseitigen Apfel aus dem Sommerland gepflückt. Oder war es kein Apfel, sondern eine solche Frucht , wie sie Veritas mir anbot?... Ich war so verwirrt, daß ich es nicht wagte, von dieser Frucht zu essen, so sehr auch Veritas bemüht war, meine Bedenken zu zerstreuen. Um mir zu zeigen, daß man die Frucht ungestraft essen konnte, ließ er sie sich gut schmecken… Trotz meines erheblichen Mißtrauens konnte ich feststellen, daß auch die leiblichen Genüsse in der anderen Daseinsform vorhanden waren. Ich erinnere mich heute, daß Christus gesagt haben soll: "Ich weiß von einer himmlischen Speise..." Nun, ich hatte mich davon überzeugen können, obgleich ich sie nicht gekostet habe. Der Duft allein genügte meiner Überzeugung vollauf, denn diese Wahrnehmung war viel stärker als auf Erden. Zuweilen begegneten wir sehr hübschen Mädchen , die uns Kußhände zuwarfen. Da ich mein Interesse sehr stark auf diese einzigartigen Schönheitsköniginnen richtete, warnte mich Veritas mit leidenschaft- lichen Erklärungen: "Hüte dich sehr davor, sie mit erotischen Gedanken zu sehen", meinte er ernst. "Die Ero- tik hat hier nichts mehr zu suchen. Erotik und Dämonie sind eng miteinander befreundet. Die halbe Menschheit geht an der Erotik zugrunde. Diese gefährliche Leidenschaft hat nichts mit der wirklichen Liebe zu tun. Wer geläutert ist, weiß diese Leidenschaft zu tren- nen." "Gehört das Sich-küssen auch zur Dämonie?" wollte ich wissen. "Es ist wirklich eine Unsitte, aber die Menschen wollen es nicht glauben", erwiderte Veritas. "Ich will es dir näher erklären: gewiß, der Kuß erzeugt gewisse Gefühle. Diese können aber ebenso sympathisch wie auch unsympathisch sein, je nachdem. Das Gefühl
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