Die große Begegnung
- 58 - Der schwerste Unterricht meines Lebens Wie viele Menschen mögen den Vorzug haben, auf eine telepathische Weise mit einem Engel spre- chen zu können? Wie herabgewürdigt ist heute die Gestalt eines himmlischen Engels … In früheren Jahren haben noch große Künstler ihre schönste Aufgabe darin gesehen, einen Engel zu malen oder aus Stein zu bilden. Heute sehen wir das Abbild der für uns gewöhnlich Unsichtbaren nur noch um die Weihnachtszeit als billige Reklame aus Pappe mit Glanzpapier - doch ihre Gesichter? Veritas schien meine Gedanken abzuhören. Er reagierte sofort: "Weißt du, was eine Anima ist?" Ich versuchte, mir darunter etwas vorzustellen, aber der Engel kam mir zuvor: "Eine Anima ist für einen Mann die schönste Frau, die er sich in Gedanken vorstellt: sein Typ, von dem er träumt. Er liebt diese Traumfrau im tiefsten Grunde seines Herzens. Doch was bei dem Mann die Anima ist, das ist bei der Frau der Animus, der traumschöne Mann." "Gehört das zu meiner Schulung?" "Sicher! Alles, was wir von nun an besprechen, dient zu deiner Belehrung und das Merkwürdige dabei ist, daß du auf alle Erkenntnisse selber kommen mußt, denn in der Schule Gottes wird keinem Menschen eine Erkenntnis aufgezwungen. Darum überlege, was es mit Anima und Animus für eine Bewandtnis haben kann, wenn du dabei an deinen Schöpfer und an Christus denkst." Ich überlegte fieberhaft, doch gleich darauf kam ich schon zu einem wunderbaren Schluß, den ich sofort in Gedanken aussprach: "Erst wenn der Mensch in Gott oder Christus seine wirkliche Anima oder Animus erkannt hat, wird er den lebendigen Gott in der Weise aus seinem tiefsten Herzen lieben, wie er es Ihm schuldig ist. Wenn Gott im Herzen des Menschen den Platz ausfüllt, den der Mensch für seine Anima eingeräumt hat, wird das Böse keinen Zutritt zu seinem Herzen mehr haben." Ich war stolz darauf, daß ich Veritas eine solche Antwort gegeben hatte, und ich erwartete mit heimli- chem Verlangen ein Lob. Aber Veritas zollte mir keinen Beifall. Er sagte mit kühler Sachlichkeit: "Ich habe diese Antwort suggeriert. Sie ist nicht von dir." Der Leser wird begreifen, wie erbärmlich ich mir vorkam. An eine derartige Möglichkeit hatte ich nicht gedacht. Natürlich wurde mir klar, daß eine Geisttelepathie von einer solchen Möglichkeit Gebrauch machen könnte . Aber gleichzeitig erkannte ich auch die Gefahr einer Besessenheit , die derartig über die Persönlichkeit regieren kann, daß der Besessene kaum ein eigenes Denken aufbrin- gen kann. Dieses Stadium aber heißt: Wahnsinn! - Auch dieser Gedanke wurde von Veritas erfaßt. Er ging sofort darauf ein: "Ich sehe, lieber Herbert, daß ich vorher mit dir eine Übung vornehmen muß, denn diese ist notwendig zu deinem eigenen Nutzen. Ich werde dir einen ganzen Satz suggerieren und du mußt dir die größte Mühe geben, diesen Satz schon beim ersten Wort aus deinem Bewußtsein auszuschalten. Wenn es geht, noch vor dem ersten Wort, wenn du merkst, daß es unanständig oder unmoralisch ist. Also paß gut auf, es geht los ..." "Das ist eine unglaubliche Schweinerei, denn du..."
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