Die große Begegnung

- 66 - Besonderen Eindruck machten auf mich jene Mitteilungen , die mir wichtige Ereignisse voraussagten oder mir hin und wieder Aufschluß über Vorkommnisse gaben, die sich mit meiner Umgebung befaßten, aber die ich allein nicht wissen konnte. So gesehen ist Goethes "Faust" keinesfalls eine intelligente Dichtung, sondern dieser Dichtung liegt eine gewisse Wahrheit zugrunde. Jeden Tag sah ich auf den Kalender und zählte die Tage bis zum Pfingstfest. Denn ich sehnte diesen Tag herbei, weil es eine Tortur war, jede Nacht geweckt zu werden und mit äußerster Konzentration auf diesen Unterricht zu hören. Manchmal war ich so ermüdet, daß ich nicht mehr fähig war, die schlechte Inspiration durch ein blitzschnelles Begegnen eigener Gedanken auszuschalten. Dann ließ ich die Stimme ausreden, so viel sie wollte, weil ich viel zu erschöpft war, um allen diesen Gemeinhei- ten, die man mir sagte, auszuweichen. Doch manchmal waren diese teuflischen Stimmen so grenzenlos gottlos und unanständig, daß ich mich mit letzter Kraft aufraffte, um meinen Peinigern die Wahrheit zu sagen: Aber das schien sie gerade zu freuen, wenn ich zu ihnen hinabstieg, um in ihrer Mundart zu reden. Die schlechte Stimme hatte ein mächtiges Vergnügen daran, mich mit allen Mitteln zum Zorn zu bringen... Das alles ging so lange, bis mir eine warnende Stimme half und zurief: "Warum unterhältst du dich immer noch mit dem Teufel?" Kein Mensch kann sich vorstellen, was das für eine bösartige "Krankheit" ist, wie schwer solche Belehrungen in Kauf zu nehmen sind. Es war mir bereits klar, daß ich in den Zustand einer soliden Besessenheit geraten war. Doch, was wissen die Ärzte von heute von einer solchen Besessenheit? Wenn ich es mir richtig überlege, so waren es eigentlich zwei verschiedene Besessenheiten: eine göttliche Besessenheit und eine teuflische Besessenheit. Die göttliche Besessenheit wurde von der teuflischen Besessenheit unterbrochen, angefeindet und schließlich vollkommen abgelöst. Karl May wußte auch ein Lied davon zu singen… Wer einmal in die Hände des Satans gerät, der kommt so leicht nicht mehr davon los. Ich stritt regel- recht mit dem Teufel oder waren es Hundert, die sich gegenseitig ablösten? Manchmal dachte ich voller Verzweiflung darüber nach, ob der alleroberste Teufel , seine Majestät Luzifer , persönlich an meiner Besessenheit beteiligt war? Manchmal kamen auch wieder sehr schöne Belehrungen . Doch ich war auch diesen Mitteilungen gegenüber sehr mißtrauisch , denn ich hatte allzuoft festgestellt, daß die böse Partei sich auf diese Weise mein Vertrauen erschleichen wollte, um mich dann doch in die Irre zu führen. Diese dämoni- schen Geister sind die besten Diskussionsredner der Welt und die größten Lügner obendrein. Eines Morgens weckte mich der Engel mit einem heftigen Stoß in die Seite, so, wie es in der Bibel steht: "Ein Engel schlug ihn in die Seite" - oder: "Er wurde geweckt, wie man einen Schlafenden aus dem Schlafe erweckt". "Ich bin da! Hör mir gut zu: es gibt keinen anderen Sieger außer Gott allein!" Sofort antwortete ich: "In Ewigkeit. Amen." Mitten in der Nacht begann mein Schreibtisch zu knacken . Man konnte glauben, daß eine Temperatur- schwankung auf das Holz einwirkte. Doch ich kannte diese Zeichen: sie erfolgten in einem bekannten Rhythmus . Manchmal waren es auch geklopfte Melodien . Fast gleichzeitig kam der unbeschreibliche, großartige Blumenduft . Es war eine herrliche "Halluzination"… Derartige Visionen hatten die Seher der Heilige Schrift: sie sahen mit geistigen Augen das Unsichtba- re . Doch das Auge ist nur ein Sinn, auch die anderen Sinne können sich auf geistige Wahrnehmungen umschalten. Ich roch mit geistigem Sinn das materiell Nichtvorhandene. Auch das zählt zur Vision.

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