Die große Begegnung
- 70 - Kaum lag ich im Bett, da fielen die Geister über mich her. Nicht mehr eine Stimme oder zwei, nein, viele Stimmen ! Ich war voller Verzweiflung dazu verurteilt, ihre gegenseitigen Konversationen mit anzuhören. Es entstand ein regelrechter Streit, ein tolles Hin und Her von verschiedenen Meinungen. Und wenn man nicht mehr weiter wußte, fragte man mich . Weil ich mit meinen Antworten möglichst auf der guten Seite bleiben wollte, brüllte mich eine Stimme an: "Komm bloß nicht auf die verrückte Idee, das alles aufzuschreiben, du Schuft, dann kannst du was von uns erleben! Hast du schon mal was von Schwarzer Magie gehört? Wir machen dich kaputt! Wir saugen dir die Seele aus dem Leib, damit sie in unsere Fin- ger kommt. Wir machen dich wahnsinnig, jawohl, wahnsinnig! Das können wir sehr gut! Wir haben es schon oft ausprobiert. Was glaubst du, wie viele Wahnsinnige auf unser Konto kommen? Wie viele Verwegene wie du im Irrenhaus sterben? Paß auf, wir schließen uns alle zu einem Chor zusammen und singen dir einen Dauerton vor. Wir haben Ausdauer und wir können es länger aushalten als du." Tatsächlich hörte ich ein dumpfes Summen , als ob eine Fliege in meinen Gehörgang geraten sei. Mir wurde angst und bange. Selbst mein Herz schlug in rasenden Takten. Auf dem Nachttisch tickte ein Wecker. Ich hörte mit übermenschlicher Konzentration auf das Ticken der Uhr, aber der Dauerton blieb. Jetzt wurde mir langsam klar, daß diese unheimlichen Geister tatsächlich einen Menschen wahnsinnig machen können, wenn sie einmal den Kontakt hergestellt haben... Nach Stunden summte der Ton noch immer in meinen Ohren, er war noch intensiver , noch durchdrin- gender. Es heulte direkt in meinem Kopf. Schweißgebadet stand ich auf und betete unentwegt . Ich machte heilige Kreuze nach allen Richtungen. Ich beschwor die Unsichtbaren . Schließlich legte ich Blumen zu einem Kreuz zusammen und hielt gleichzeitig ein kleines Kruzifix fest in meiner Hand. Doch es war alles vergebens… Die Unsichtbaren waren unempfindlich gegen jedes Gebet, gegen jede Verwünschung und teilnahms- los gegenüber meinem flehentlichen Bitten. "Haha… Hihi… Haha… Das ist ein toller Spaß, den wir jetzt mit dir treiben kön- nen. Aber was noch viel interessanter ist, das hast du ganz vergessen: niemand auf deiner schönen Gotteswelt wird erfahren, noch ahnen, auf welche Weise wir dich wahnsinnig gemacht haben. Niemand wird wissen, wie wir dich umgebracht haben. Die Mörder sind nicht zu fassen!" Nun, die Psychologen und Herren Nervenärzte mögen sich meine Beschreibung einer soliden Besessenheit etwas näher durch den Kopf gehen lassen, denn ich kann ihnen beteuern, daß es sich auch um eine solide Wahrheit handelt. Ich war dicht daran, mich auf die Erde zu werfen, um mich zu schlagen und zu brüllen, wie ein Mensch nur brüllen kann, bis er tot ist. Ich war ihnen in die Falle gegangen, aus der es kein Entrinnen mehr gab, weil selbst alle Engel mich im Stich ließen. Das war das Ungeheuerlichste, was eine lebende Seele im irdischen Körper erleben, aber nicht lange ertragen kann. Der Reiseschriftsteller Karl May hat es ähnlich erlebt und in seiner Autobiographie geschildert. Aber damals hatte ich diese Biographie noch nicht gelesen . Der Zustand war mir unbekannt , sonst hätte ich gewußt, wie ich aus dieser Falle entkommen konnte. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt, daß diese niederen Geistelemente ortsgebunden sind. 12 Ich hätte wegreisen müssen, so weit, bis der Spuk mir nicht mehr folgen konnte. Aber man ist immer nur klug für das Vergangene, nicht für das Kommende. 12 Die vom Autor erwähnte Ortsgebundenheit der niederen Geistwesen ist meines Erachtens mit Vorsicht zu genießen und keinesfalls zu pauschalieren.
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